Beim Putzen die Waffen weggeräumt – Zur Aussage von Zschäpe im NSU-Verfahren

"Very Dirty CZ-75B 9mm" by ArtBrom

Fast genau vier Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU stand eine als Sensation erwartete Aussage der Hauptangeklagten im Prozess um die extrem rechte Mordgruppe im Raum: Beate Zschäpe, die bisher jede Äußerung im Prozess vermied, ließ über ihre neuen Verteidiger Borchert und Grasel, die auf fragwürdige Weise ihr Mandat und Vertrauen erlangten, verlauten, sich zu den Vorwürfen der Anklageschrift äußern zu wollen. Ein grober Bruch der bisherigen Prozessstrategie, die ihre bisherigen Verteidiger entworfen hatten, und aus der viel strafprozessuale Erfahrung sprach. Bisher wussten es Heer, Stahl und Sturm zu vermeiden, einerseits ihre Mandantin als ideologische Überzeugungstäterin dastehen zu lassen (und lagen als Verteidiger auch nicht im Verdachte, eine solche Ideologie zu repräsentieren) und andererseits eine unglaubwürdige Version des Innenlebens des NSU-Trios zu präsentieren. Die Verteidigungsstrategie profitierte von dem Chaos, dass Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz im NSU-Komplex anrichteten – bis heute scheint nichts sicher, viele entscheidende Fragen bleiben offen; insbesondere auch die nach einer direkten oder indirekten […]

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Freital – Wie man ein Flüchtlingsheim in Sachsen verteidigt.

"Out of nowhere" by Soumyadeep Paul

[Erstveröffentlichung dieses Artikels in dem inzwischen gelöschten Magazin „Wut im Bauch“.] Schon am Montag-Abend saßen wir angespannt vor unseren Computern. Im sächsischen Freital, dem Herkunftsort von PEGIDA-Hetzer Lutz Bachmann, wie ich später erfahren sollte, wurden mehrere Dutzend ebenjener Geflüchteten erneut in einer Nacht- und Nebelaktion untergebracht. Das regte nicht nur die Aufmerksamkeit derer, die  sich ehrenamtlich für die Unterstützung der ankommenden Menschen engagieren, sondern auch die der Zusammenschlüsse „Freital wehrt sich“ und „Frigida“ – ein Potpourri aus Anwohnern, Neonazis, PEGIDA-Fans, Bachmann-Jüngern und gewaltbereiten Hooligans. Über Facebook vernetzt und koordiniert, machen sie seit Monaten Stimmung gegen die Unterbringung von Geflüchteten in Freital, rufen zu Gewalttaten auf, gründen illegale Bürgerwehren. Und in diese Situation aus Vorurteilen, Gewalt und Hetze entschied sich also die sächsische Landesregierung, ohne weitere Ankündigung alle Beteiligten – die Geflüchteten, ihre Unterstützer und auch die Anwohner – vor vollendete Tatsachen zu stellen. Es war nicht schwer, zumindest alarmiert zu […]

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Rollenspiele und Rechtsoffenheit

"The balistic shot" by Ben Gun

„Warum hast du eigentlich einen bekannten Neonazi bei dir in der Freundesliste?“ „Ach, den kenn ich aus Forum XY, der ist total nett. Neonazi, sagst du, ist der?“ – Ein grandioser Einstieg für einen Streit, der so eine sozial fragile Rollenspielgruppe an den Rand der Spaltung bzw. ihrer Existenz bringen kann. Mit kaum einem Thema habe ich mich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Rollenspielen mehr auseinandergesetzt, als mit der Rechtsoffenheit von Mitspieler_innen. Machen wir uns nicht vor: nicht nur stellen Rollenspieler_innen einen Querschnitt durch die die deutsche Mehrheitsgesellschaft dar, mit ihren ganzen rassistischen Strukturen, Privilegienverteilung und was man nicht gerade an den Universitäten unter den Seminarennamen „Critical …“ verarbeitet. Auch bietet gerade der Fantasy/Mittelalter-Bezugsrahmen eine willkommene Anlaufstelle für Menschen, die ihre völkischen, rassistischen und neonazistischen Ansichten kritikfrei ausleben möchten. Viele Symboliken, die ansonsten als Identifizierungsmerkmale der extremen Rechten gelten, werden von Spieler_innen unreflektiert hingenommen oder selbst getragen – […]

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