Heim.Kind — Teil 4: Der Weg hinaus.

“Follow That Wonky Path” by Jarod Carruthers (CC BY-NC-ND 2.0)

Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”: Teil 1: Brandenburger Tristesse. Teil 2: Flucht nach Berlin. Teil 3: Straßenhund. Teil 4: Der Weg hinaus. Endlich allein. Nachdem ich über ein Viertel meines Lebens zu diesem Zeitpunkt in Kinderheimen verbracht habe, bot sich mir mit 16 die Möglichkeit, mein Leben weitestgehend selbst in die Hand zu nehmen. Ich ergriff sie. Das Angebot hieß “Betreutes Einzelwohnen”: ein Träger stellt dem Jugendlichen eine Wohnung zur freien Verfügung und stellt ihm einen Betreuer an die Seite, der bei alltäglichen Herausforderungen helfen sollte und die Entwicklung des Jugendlichen weiter begleitet. Für mich hieß das, trotz meiner relativen Eigenständigkeit und bewussten Abgrenzung zur Wohngruppe, dass ich ein komplett neues Leben führen musste — und durfte. Der zuständige Träger organisierte für mich eine Wohnung im Brandenburger Umland, Kleinstadt, C-Bereich, ein guter Kompromiss zwischen dem noch zuständigen Brandenburger Jugendamt und meinem Lebensmittelpunkt in Berlin. Plattenbau, 1-Zimmer-Wohnung im 6. Stock, alle 40 Minuten fuhr […]

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Heim.Kind — Teil 3: Straßenhund.

“Untilted” by Lucas Incas (Lizenz: CC BY 2.0)

[TW: Vergewaltigung, Tod] Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”: Teil 1: Brandenburger Tristesse. Teil 2: Flucht nach Berlin. Teil 3: Straßenhund. Teil 4: Der Weg hinaus. Wer mit dreihundert Jugendlichen auf engstem Raum zusammenlebt, zu denen er zudem noch keine Verbindung spürt und keine Gemeinsamkeit außer die Zufälligkeit des gleichen Schicksals ausmachen kann, der versucht rauszukommen, Ruhe und Halt zu finden. Für mich wurde die Berliner Straßenszene deshalb über mehrere Jahre mein Zuhause. Meine ersten Besuchen am Alexanderplatz waren mit 14 oder 15. Ich habe in der Zeit kurz in im elterlichen Haushalt gelebt und mich immer wieder aus der dörflichen Enge abgesetzt in die Weite der Stadt. Mit meinen langen, zotteligen Haaren, meinen zerrissenen Shirts von Metal-Bands, mit meiner nickeligen Brille und meinen gebrauchten Springerstiefeln, die ich damals meinem besten Freund für zwanzig Mark abkaufte (weinrote Shellys) fand ich schnell Anschluss an eine lose Gruppe aus Punks, Gothics und Skatern, die sich […]

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Heim.Kind — Teil 2: Flucht nach Berlin.

“Blick aus der Wohnung” by Robert Agthe (Lizenz: CC BY 2.0)

[TW: In diesem Bericht geht es um viele Dinge des Heimlebens, bis hin zu sexualisierter Gewalt, die einen als Kind und Jugendlichen mitnehmen.] Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”: Teil 1: Brandenburger Tristesse. Teil 2: Flucht nach Berlin. Teil 3: Straßenhund. Teil 4: Der Weg hinaus. Die Jahre in Brandenburg haben für mich eine Ewigkeit bedeutet. Ich kam mit 13 und ging mit 15 — ein Lebensspanne, in der sich der Mensch immer und immer wieder häutet und neu zu sich selbst finden muss, dem Damoklesschwert der “Pubertät” zum Trotz. In dieser Zeit entwickelte ich mich von einem Kind, das sich tief in Bücher begab und hundertseitige Anleitungen für fiktive Computerspiele schrieb, zu einem jugendlichen Metalhead, dessen größte Idole die Männer von Blind Guardian, Metallica und Slayer waren. Ich entwickelte großes Interesse an Philosophie, an Musik, an Rollenspielen und LARPs, und schlussendlich an Politik. Stabil antifaschistisch wähnte ich mich und war dabei so rechtsoffen […]

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Heim.Kind — Teil 1: Brandenburger Tristesse.

“Sleeping Woman” by Jakob Schottstaedt

[TW: In diesem Bericht geht es um viele Dinge, bis hin zu sexualisierter Gewalt, die einen als Kind und Jugendlichen mitnehmen.] Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”: Teil 1: Brandenburger Tristesse. Teil 2: Flucht nach Berlin. Teil 3: Straßenhund. Teil 4: Der Weg hinaus. In diesem und den weiteren Artikeln versuche ich, einen Einblick zu geben, was es für mich persönlich bedeutet hat, als Heimkind aufzuwachsen, sich hochzukämpfen, Abitur, Studium, Karriere zu machen und welche Erfahrungen ich mit einem (ost-)deutschen Jugendamt und den verschiedenen Kinderheim-Konzepten gemacht habe. Seit ich 13 bin, habe ich nicht mehr “Zuhause” gewohnt. Ich war in verschiedenen Kinderheimen in Berlin und Brandenburg. Und auf der Straße. Viele Menschen, die keine Berührungspunkte mit diesem System haben, haben keine Vorstellung davon, wie es in Deutschland funktioniert. Unser mediales Bild ist geprägt von harten Berichten über massenhaften Missbrauch in der westdeutschen Provinz der 50er bis 70er Jahre; oder von der heilen […]

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