Heim.Kind — Teil 4: Der Weg hinaus.

“Follow That Wonky Path” by Jarod Carruthers (CC BY-NC-ND 2.0)

Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”:

Teil 1: Brandenburger Tristesse.
Teil 2: Flucht nach Berlin.
Teil 3: Straßenhund.
Teil 4: Der Weg hinaus.

Endlich allein. Nachdem ich über ein Viertel meines Lebens zu diesem Zeitpunkt in Kinderheimen verbracht habe, bot sich mir mit 16 die Möglichkeit, mein Leben weitestgehend selbst in die Hand zu nehmen. Ich ergriff sie. Das Angebot hieß “Betreutes Einzelwohnen”: ein Träger stellt dem Jugendlichen eine Wohnung zur freien Verfügung und stellt ihm einen Betreuer an die Seite, der bei alltäglichen Herausforderungen helfen sollte und die Entwicklung des Jugendlichen weiter begleitet.

Für mich hieß das, trotz meiner relativen Eigenständigkeit und bewussten Abgrenzung zur Wohngruppe, dass ich ein komplett neues Leben führen musste — und durfte. Der zuständige Träger organisierte für mich eine Wohnung im Brandenburger Umland, Kleinstadt, C-Bereich, ein guter Kompromiss zwischen dem noch zuständigen Brandenburger Jugendamt und meinem Lebensmittelpunkt in Berlin. Plattenbau, 1-Zimmer-Wohnung im 6. Stock, alle 40 Minuten fuhr die S-Bahn. 300€ zum Leben im Monat, für den vollen Kühlschrank reichte es. Nur, der Kühlschrank war ein Thema für sich. Als ich im Sommer in die Wohnung einzog, war sie heruntergekommen, aber bewohnbar. Ich konnte es mir mit einem Schreibtisch, einer kleinen Couch, DDR-Regalen und einer durchgelegenen Matratze am Boden durchaus schön machen. Für mehr hat das beantragte Geld der Erst-Einrichtung nicht gereicht. Die Wohnung hatte eine kleine Einbauküche, in der auch der besagte Kühlschrank stand: ausgeschaltet war er, in einem Sommer voller Hitze schmorte darin im Eisfach ein undefinierbares Fleischgericht vor sich hin. Mehrere hundert Maden wogten darüber und fraßen sich voll. Ich sollte fast zwei Jahre diesen Kühlschrank nicht mehr öffnen, sondern fest verschlossen halten und hoffte all die Zeit, dass seine Bewohner nicht in der Nacht rauskamen und mich in meinem Schlaf fressen würden. Für mich war die Wohnung ein freiheitliches Paradies mit Schönheitsfehlern. Aus heutiger Sicht war sie ein heruntergekommenes Loch mit Maden, Schimmel und Dreck, das man keinem Jugendlichen zumuten durfte, wenn man nicht seinen sozialen Status zementieren wollte.

Kontakt zu meinen Eltern hatte ich zu diesem Zeitpunkt nur noch sehr sporadisch, meine Großeltern sah ich öfter. Sie stellten mir ihre alten DDR-Möbel und einen reparierten Kühlschrank zur Verfügung (den ich einfach mitten ins Zimmer stellte, und der furchtbar laut dröhnte und röhrte). Ich ging einkaufen, zusammen mit meinem Betreuer, Jens. Jens war ein pragmatischer Akademiker. Studiert, kurz vor seinem Diplom in dem Studium der Slawistik, arbeitete er in Teilzeit für den Träger und war wohl das Beste, was mir in der Betreuung passieren konnte. Für ihn war ich laut seinen Aussagen ein einfacher Fall, ein Jugendlicher, der schnell lernte und wenig Probleme machte. Das hieß nicht, dass er weniger Zeit für mich aufwendete (das tat er sicher auch), sondern, dass er mir versuchte, andere Dinge zu vermitteln. Ich war zu diesem Zeitpunkt furchtbar arrogant, stolz auf meinen Außenseiterstatus, politisch wie subkulturell und ließ jeden, der in meine Nähe kam, das spüren. Jens schaffte es, auf eine sehr feinsinnige und fordernde Art und Weise, dieses Welt- und Selbstbild ins Wanken zu bringen und sorgte mit klugen, langen Gesprächen dafür, dass ich mich selbst hinterfragte. Er brachte mir bei, zuzuhören; Menschen mit anderer Meinung für voll zu nehmen; meine Interessen breiter zu streuen; ruhiger und sachlicher auch emotional aufgeheizte Debatten zu führen. Nicht nur im politischen, sondern auch im privaten. Er stellte in Frage, welche Verantwortung ich, der ich nun kurz vor dem Erwachsensein stehen würde, ich hinsichtlich der Beziehung zu meinen Eltern hätte. Über fast zwei Jahre half er mir, meine eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zeigte mir, was es bedeutet, eigene Größe zu haben. Er begleitet meinen Reifeprozess, fungiert als neutraler Ansprechpartner, steht meiner Akte. Er tat das im besten Sinne des Wortes, auf eine respektvolle Art und Weise, die auch meine Entscheidungen akzeptierte, wenn ich sie nur gut begründen und verteidigen konnte. Wie kaum jemand anders hat mich Jens, der sicherlich auch eine fehlende Vaterfigur in meinem Leben als Rolle ausfüllte, positiv in meiner Entwicklung beeinflusst. Hier funktionierte das staatliche Konzept, das mehr als alles andere von den ausführenden Personen abhängig war. Hier war die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und traf auf den Menschen, der sie brauchte.

Sein eigenes Leben zu organisieren war herausfordernd, aber hatte seine Vorteile. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt den Klischees des Einzelkämpfers mit Tiefkühlvorrat entsprach, machte ich erste Schritte in der Küche und brachte mir das Kochen selbst bei. Mit wenig Mitteln gute Gerichte zaubern ist nicht einfach, egal, was einem die ganzen Foodblogs und YouTube-Kanäle erzählen wollen. Es ist eine Frage von Zeit, Zugänglichkeit und Geld. Nudeln mit Fertig-Tomatensauce: 3€, 15 Minuten. Pasta mit Knoblauch-Öl, frischen Kräutern und einer reizvollen Sauce aus passierten Tomaten und gelben Cherry-Tomaten: 10€, 1 Stunde und viele Reste. Und bei Netto gab es nicht alle Zutaten, frische Kräuter sind für mich heute noch ein Luxusprodukt. Ansonsten konnte ich viele Sachen aus dem Heimalltag mitbringen, die mir halfen: Wäsche vernünftig waschen (und damit gepflegt in der Schule erscheinen, nicht jedem Jugendlichen in meiner Situation so zugänglich), Behördenpost erledigen, Rechnungen zahlen (obwohl das meiste der Träger übernahm), Schulaufgaben eigenverantwortlich erledigen, pünktlich aufstehen, die Bahn bekommen, Küche und Bad putzen, Wohnung saugen. Irgendwie bekam ich das alles hin und wurde nach und nach besser darin. Nur das mit der Pünktlichkeit in der Schule wuchs sich zu einem Problem aus. All die Freiheit bedeutete auch, dass ich Dinge, die besser fand, vor den Schulalltag stellen konnte. Und das auch tat. Ich sammelte über die Zeit viele Fehlstunden, für die ich mich selbst entschuldigen konnte — oder verpasste auch einfach mal die Bahn, was bedeutete, eine ganze Schulstunde zu verpassen. Zwischenzeitlich dachte ich drüber nach, das Gymnasium abzubrechen und auf die Fachschule zu gehen und / oder eine Ausbildung anzufangen. Vielleicht würde ich ja Polizist werden, das versprach Sicherheit. Soldat war mir nicht geheuer, aber alles, was irgendwie Stabilität versprach, kam mir in den Sinn. Warum ich gerade auf durchgedrillte Berufe meinen Fokus legte, wo ich doch genau damit Probleme hatte — den Alltagsdrill einzuhalten — erschließt sich mir heute kaum noch. Und wer mich kennt, wird über die Vorstellung von mir in Uniform wohl lachen müssen. Letztendlich fing ich mich, auch mit freundlicher und nachsichtiger Unterstützung meiner Lehrer, und schaffte es zumindest in diesem Bereich mitzukommen.

Von einer eigenen Wohnung profitierte ich auch im privaten Bereich. Nicht so sehr, weil Freunde jetzt zu mir kommen konnten, dafür fehlten mir zwei zentrale Elemente: Alkohol und Drogen. So eine Wohnung schien in dem Alter nur interessant, wenn man ohne Probleme saufen und Gras rauchen konnte, von beiden Dingen hielt ich seit jeher Abstand. Bei jungen Frauen aber kam die Selbstständigkeit und der unregulierte Rückzugsraum sehr gut an: meine Freundinnen und Affären zu dieser Zeit waren gerne und oft über Nacht bei mir zu Gast und schätzten die Freiheit, auch im sexuellen Bereich. Keine störenden Eltern oder Geschwister, die einen hören konnten oder unangekündigt in das Zimmer kamen. Für mich — und für sie, so hoffe ich — ein abenteuerliche Zeit und viele Erfahrungen konnte ich in einem Umfeld machen, in dem ich mich sicher und frei fühlte. Ansonsten nutze ich die Zeit, um stundenlang am Computer zu spielen und in Foren zu schreiben bzw. diese zu organisieren und zu verwalten. Ein nicht unerheblicher Teil meines Freundeskreises organisierte sich in einem von mir gegründeten Forum, unser kleines, privates Facebook sozusagen. Partyplanungen, Musikaustausch, Rollenspieltermine (P&P und LARP), Geburtstage, Alltagsgeschichten — alles wurde dort ausgetauscht. Wenn ich nicht zuhause war, saß ich in der S-Bahn und konnte in Ruhe auf den langen Bahnfahrten lesen. Meine Verbindung nach Berlin war stark wie eh und je, auch wenn es sich von der Straße in die Konzerthallen der Stadt verlagerte.

Wenn ich nicht auf Live-Rollenspiel-Wochenenden unterwegs war (herausragendste LARP-Rolle: eine Statue, die nicht gefunden wurde und darum drei Stunden im Wald rumstand), dann organisierte ich Gigs für eine Metalband, die aus meinem damaligen besten Freund und einigen Musikschülern bestand. Durch die Jugendclubs und Konzert-Locations von Berlin fast zwei Jahre zu reisen, hat mir sehr viel beigebracht, soziale Kontakte (sowie den ein oder anderen Flirt) aufgebaut und ein Netzwerk verschafft, das noch heute für mich wichtig ist. Letztendlich nahm der Kurs der Band aber eine für mich bis heute unverständliche Wendung: als besonders hart und männlich wurde von den Bandmitgliedern die Zuwendung zu rechten Ideen gesehen. NSBM und völkische Subkultur wurde zur Inspiration, und während der Besuch einer Burg in Mecklenburg-Vorpommern mit Wikinger- und Rocker-Feiern noch irgendwie für mich tragbar waren, kam der offene Bruch bei einem Konzert. Der Club “Asgard” war zu dieser Zeit ein Anlaufpunkt für rechtsoffene Metalbands. Er fungierte als Konzertort für NSBM-Bands wie Absurd und als Vereinsheim für die neonazistischen Rockergruppierung der Vandalen. Und während ich zu diesem Zeitpunkt schon länger antifaschistisch interessiert und aktiv war, so erschlossen sich mir die Zusammenhänge nicht. Als wir an dem Tag zum Konzertort fuhren, landeten wir tief in einem Industriegebiet in Friedrichsfelde. Das schwere, stacheldrahtbewehrte Tor wurde uns geöffnet von zwei breitschultrigen Typen, die im Hosenbund offen ihre Schusswaffen trugen, moderne Pistolen. In der Konzerthalle allerlei rechte Symbolik: eiserne Kreuze, weiße Fahnen mit roten Aufdrucken und sicherlich vieles, was ich zu diesem Zeitpunkt nicht erkannte. Ich wurde durch die anwesenden Typen schräg angeschaut, weil ich mit einem riesigen “Nazis raus”-Aufnäher durch die Gegend lief. Die Stimmung wurde kühl und ich fühlte mich mehr und mehr unwohl. Bewaffnete Typen, komische Symboliken, offen feindseliges Verhalten — ich entschied, noch vor dem Soundcheck wieder abzureisen und stolperte ängstlich vom Gelände. Die Band blieb und spielte ihr Konzert. Das “Asgard” wurde wenige Monate später im Zusammenhang mit dem “Landser”-Verfahren geschlossen. Mit meinem besten Freund seit der Grundschule brach ich auf immer.

Berührungen mit der extremen Rechten blieben in der Zeit für mich an der Tagesordnung. Wollte ich aus Berlin weg, weil ich von ANB-Aktivisten bedroht wurde, prallte mir in Brandenburg die alltägliche Nazisubkultur entgegen. Ich trug zu diesem Zeitpunkt viel schwarze Klamotten, lange Haare, gefärbte Fingernägel. Erkennbar als Gothic, Grufti, Punk, Metaller, Emo, Visual-Kei, … jedenfalls irgendetwas, was nicht so ganz ins Brandenburger Kleinstadtleben passen wollte. Einmal waren wir am Zug, da trafen wir an einem Badesee einen späteren, langjährigen NPD-Vorsitzenden — schon damals als Dorfnazi bekannt. Seine Begleiter erkannte ich als die Täter, die mich einige Jahre zuvor übel zurichten. Er und seine Freunde mussten am Ende der Begegnung die Beine in die Hand nehmen. Dorfjugend, irgendwie. Manche werden wissen, was ich meine. Manchmal waren sie es, manchmal waren wir es. Szenenwechsel. Abends in der S-Bahn: eine Gruppe von Nazis sitzt im gleichen Abteil und kommt auf die Idee, mich und einen Freund aufs Korn zu nehmen. Erst verbal, dann mit Schlägen, Tritten. Meinem Freund nahmen sie das Handy weg und schmissen es aus dem geöffneten Fenster in die Nacht. Dann wurden wir in die Ecke gedrängt und die Nazis versuchten, eine Tat nachzustellen, die nur wenigen Monate zuvor auf der selben Strecke passiert war: sie wollten die Türen öffnen und uns aus der Bahn schmeißen. Ich bekam wirklich, wirklich Angst. Sie zerrten an der Tür, diese alte S-Bahnen hatten ja Türen, die manuell während der Fahrt geöffnet werden konnten, wenn man genug Kraft hatte. Aber sie waren zu betrunken, und als die S-Bahn im nächsten Ort einfuhr, konnten wir flüchten. Im Wissen darum, dass wir nur knapp einer Situation entkommen sind, die zu schweren Verletzungen oder — wie bei dem armen Kerl vor uns — zum Tode führen hätte können. Szenenwechsel. Unbeschwert mit dem Fahrrad, das wichtigste Verkehrsmittel in der rural gelegenen Kleinstadt, zum Bahnhof fahrend. Auf einmal steigen am Bahnsteig um die 150 Fußballfans aus, einige lösen sich aus dem Pulk und beginnen unter lautem Rufen (“Zecke”, “linke Sau”, “dich kriegen wir”) auf mich zu zu rennen. Ich fahre so schnell ich kann, davon, neben mir schlagen mehrere Glasflaschen auf und nur mit Glück erwischt mich ein geworfener Stein nicht am Kopf. Die Fans gehören zu einem bekannten Regionaligisten, die gerufene Polizei reagiert mit Unverständnis, schaut mich abschätzig an und will keine Anzeige aufnehmen, weil es ja sowas wie “versuchte Körperverletzung” gar nicht geben würde. Meine Angst wurde in dem Moment zur ohnmächtigen Wut. Da wollten mich Leute mit Flaschen und Steinen vom Fahrrad schießen, und das sollte nicht strafbar sein? Die Wut über diese polizeiliche Inkompetenz wurde irgendwann zur intensiven juristischen Beschäftigung und zum Unverständnis über die schlechten Polizeiarbeit und dem Umgang mit Opfern rechter Gewalt. Ereignisse wie diese prägen meine bis heute meine Arbeit.

Diese zwei Jahre im betreuten Einzelwohnen war also vor allem: Freiheit, Entwicklung, Erfahrung und mehr als alles andere: prägend für mein Leben. Direkter, als alle anderen Erfahrungen zuvor, hatte ich hier die Möglichkeit, mich zu dem Menschen zu entwickeln, der ich sein wollte. Mit kleinen Rückschlägen, mit üblen Erfahrungen, mit Problemen in der Schule. Aber auch: mit großer Liebe, mit viel Kultur, mit tollen Konzerten, mit wunderbaren Freundschaften, mit viel Spaß und — nach all den Jahren — mit dem Gefühl, glücklich und zufrieden zu sein.

Der Schnitt kam mit der Volljährigkeit. Das Jugendamt verlor seine Zuständigkeit, und ich verlor die Finanzierung des Jugendamts. Jens, mein Betreuer, half mir, eine neue Wohnung zu finden — eine wirklich schöne und gute Wohnung im Dorfkern des Nachbarorts — und meine Anträge beim Amt abzugeben. Zu dieser Zeit war das ALG-II-System noch recht neu und die Mitarbeiter waren unerfahren und stur. Die ersten Wochen der Antragstellung vergingen und endeten mit dem Hinweis darauf, dass ich zurück zu meinen Eltern ziehen könnte, da sie für mich zuständig sein. Nach fünf Jahren sollte ich also zurück in den elterlichen Haushalt, während ich auf einem Tiefpunkt des Verhältnisses mit meinen Eltern war — wir hatten uns zu diesem Zeitpunkt monatelang nicht gesehen. Mit Hilfe des Jugendamts konnte das abgewendet werden. Die weitere Bearbeitung und Auszahlung verzögerte sich aber, so, dass ich am Ende über vier Monate kein Geldmittel ausgezahlt bekam.

Ich kam an einen neuen Tiefpunkt meines Lebens: ich stand komplett mittellos da. Kein Geld, und niemand, der mir helfen konnte. Ich war am Boden, aber immer noch zu stolz, um bei meiner Familie um Hilfe zu bitten. Für einige ernährte ich mich von kleinen Resten, fragte bei Eltern von Freunden nach einem warmen Mittag, und als ich nicht mal mehr Kontakt zu meinen Freunden hatte, hatte ich für mehrere Wochen nur eine Packung Kekse und Leitungswasser zur Verfügung. Jeden Tag zwei Kekse, einen zum Frühstück, einen Abends. In dieser Zeit lernte ich, was Hunger bedeutete. Nicht der Hunger, wenn man mal einen Tag keine Zeit hatte zu essen, und am Ende der Magen knurrt. Der Hunger, wenn nichts mehr da ist, wenn man aus Verzweifelung auf Holzstücken rumkaut, wenn der Schmerz sich tief in den Magen eingräbt, wenn man anfängt zu erbrechen, wenn man nicht mehr aus dem Bett hochkommt, wenn man weint, weil man nicht weiß, wann das alles aufhört, wenn man anfängt, wirr zu werden, Halluzinationen hat. Letztendlich hat mich meine Oma vollkommen abgemagert und entkräftet gefunden. Immer noch zu stolz, meine Situation zu erklären oder um Hilfe zu bitten, hat sie dennoch erkannt, was los war. Ich muss ausgesehen haben wie ein Geist, der freundlich lächelnd es noch schafft, die Tür zu öffnen. Wenige Stunden später stand meine Mutter vor der Tür und ging mit mir einkaufen, weil meine Großeltern ihr die Hölle heiß gemacht haben. Am Ende des Tages hatte ich einen vollen Kühlschrank. Wenige Tage später kam die Zahlung des Jobcenters an.

Diese ersten Monate im richtigen Leben waren Tiefpunkt. Und Wendepunkt. Nach der Intervention meiner Großeltern verbesserte sich die Beziehung meiner Familie deutlich. Ich überwand meinen Stolz und meine Verachtung, meine Eltern gingen auf mich zu. Es brauchte noch Jahre, mit vielen Rückschlägen, bis sich das Verhältnis freundlich-distanziert normalisierte, aber dieser Moment war so einschneidend, das er den Kurs für die Zukunft setzte. Auch im schulischen Bereich war es ein Tief- und Wendepunkt. Ohne Essen und ohne Fahrkarte kam ich über die ganze Zeit nur wenige Tage im Monat zur Schule. Ich war zu schwach, zu beschäftigt irgendwie durchzukommen, als mich auf das Abitur vorzubereiten. Am Ende reichte es nicht. Ich stand in jedem Fach bei einer 4 oder einer 5; die Schule selbst war in einem massiven Umbruchsprozess der Zusammenlegung und die neuen Lehrer kannten weder meine Geschichte noch interessierte sie meine persönliche Lebensgestaltung. Knallhart wurde ich runterbenotet. Ich schmiss die Schule. Aber nur kurz.

Der letzte Wendepunkt dieser Zeit: mein Hund. Zu diesem Zeitpunkt interessierte ich mich viel für Tierrechte und Veganismus, für militante Aktionen der ALF und der deutschen Gruppen. Ich hatte damals Kontakt mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe, unter anderem einem britischen Ex-Militär, der Tierbefreiungen kommandomäßig plante. Eines Abends fand ich mich in einem Transport auf dem Weg nach Niedersachsen wieder, Anwohner hatten befreundete Gruppen über die quälerische Haltung auf einem Hof informiert. Als wir ankamen, bot sich ein Bild des Entsetzens: die Kühen wurden die Zitzen teilweise abgeschnitten, wohl, weil nur zweigliedrige Melkmaschinen zur Verfügung standen. Die Wunden waren vernarbt und vereitert, die zwei Kühe schrieen bei jeder Bewegung vor Schmerz. Während die anderen die Kühe verluden, schaute ich mich auf dem Hof um. In einer Scheune kam mir aus dem Stroh ein Wimmern und Kettenrasseln entgegen: ich entdeckte einen jungen Hund, der unterernährt und mit glasigen Augen in meine Richtung schnüffelte. An seinen Gelenken waren schwere Ketten befestigt, die seine Beine in eine starre Positionen zwangen. Die Eigentümer müssen grausamen Menschen gewesen sein, keine noch absurde Logik rechtfertigte, wie wir diese Tier vorfanden. Ich fand die Schlüssel zu den Ketten in der Nähe und befreite den Hund, nahm ihn in den Arm. Laufen konnte er nicht mehr. Während wir zu einem Lebenshof fuhren, schlief er für die gesamte Fahrt auf meinem Schoß und immer, wenn er aufwachte steckte er seine Nase unter meinen Pullover jaulte — ganz leise — vor Zufriedenheit. Wir beiden vermissten die Wärme, und wir beide fanden sie in diesem Moment. Angekommen auf dem Hof war klar: dieser Hund bleibt nicht auf dem Hof, er kommt mit nach Berlin.

Wenn ich heute hinüberschaue, sehe ich ihn: mit seinen 13 Jahren ist er inzwischen alt und müde. Er schaut mich zufrieden an, wenn er nicht gerade schläft — und das tut er viel, schnarcht dabei laut, tief und voller Zufriedenheit. Ich weiß nicht, ob er sich überhaupt an den Anfang seines Lebens erinnert, hoffentlich nicht. Fest steht aber: nicht nur ich habe ihn gerettet, sondern er auch mich. In einer Zeit, in der ich am Tiefpunkt und Alleine war, ist er in mein Leben getreten und hat mir alles gegeben, was an bedingungsloser Liebe nur möglich war. Hat mich begleitet, über all die Jahre, hat die USA gesehen, hat meine Umzüge mitgemacht. Mit mir Nazis beschattet und Flüchtlingsheime verteidigt. Meine Beziehungen begleitet, meine Freundschaften ergänzt, saß in den Vorlesungen und in den Schulstunden. Er liebt den Strand der Ostsee und wurde an der Nordsee mal vom Sturm zwischen drei-vier Schafen einfach auf der Düne umgeworfen, und schaute dabei so bedröppelt, das ich mein Leben drüber lachen werde. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich mein Leben massiv und dieser Hund begleitete und begleitet mich auch heute. In dieser verdammten Zeit ist er die entscheidende Kraft gewesen, die in mein Leben getreten ist. Ich verdanke ihm alles.

Die letzte zentrale Wende nahm ich selbst in die Hand. Ich ließ das Brandenburger Leben hinter mir, diesmal for good. In einem großen Kraftakt organisierte ich einen neuen Schulplatz und ließ mich um eine Klassenstufe zurückstufen, um eine Chance aufs Abitur zu haben. Die neue Schule gehörte zur Ostberliner Elite und nur durch einen Schulleiter, der mehr in mir sah als alle anderen, konnte ich diesen Weg gehen. Ich durfte sogar meinen Hund mitbringen, wenn ich seinen dafür in den Pausen ausführen würde. Ein perfekter Deal. Ich bemühte mich auch um eine neue Wohnung, und fand sie auch im Prenzlauer Berg — damals noch vom Amt bezahlbar. Ein Zimmer mit Ochsenblut-Dielen, Einzelgasheizer und die Dusche war mit Heizstab in der Küche. Drei Minuten warmes Wasser, wenn man sie morgens eine Stunde vorher angemacht hat. Aber das hat mir gereicht und ich war zufrieden. Mit der neuen Schule kamen neue Freunde und ich wuchs über meinen Subkultur-Habitus hinaus. Meine Haaren waren neuerdings kurz, mit vielen Bekannten aus Metal- und Gothic-Szene brach ich den Kontakt ab. Ich lebte mich schnell ein, war beliebt und kam in der Schule mit. Die Entscheidung, alles umzukrempeln, war wohl die Beste, die ich zu dieser Zeit treffen konnte.

Und dann kam die Vorladung zum Berliner Jobcenter. Mir wurde eröffnet, dass ich nicht weiter zur Schule gehen dürfte. Vielmehr wäre es angebracht, ich würde mich auf eine Ausbildung bewerben, die mir selbst ein Einkommen verschaffen würde, immerhin läge ich ja mit meinem Schulbesuch dem Staat auf der Tasche. Auf meine Bitten hin, die letzten 12 Monate meines Schulbesuchs zu finanzieren, dann hätte ich Abitur, wurde mir von der unfreundlichen Mitarbeiterin eröffnet, dass “solche wie Sie” ja wohl kein Abitur bräuchten und deshalb der Schulbesuch auch sinnlos sei. Würde ich mich weigern, eine Ausbildung oder einen bezahlten Beruf aufzunehmen, dann würden Sanktionen verhangen werden, man würde mir das Geld kürzen. Das konnte ich nicht glauben: ich hatte endlich eine Perspektive, doch noch das Abitur zu schaffen und zu studieren und irgendwie aus allen rauszukommen. Und das Jobcenter drohte mir mit dem Entzug meiner Lebensgrundlage, wenn ich das nicht aufgeben würde? Nie zuvor und nie danach bin ich so aus meiner Haut gekommen: ich habe die Mitarbeiterin angebrüllt und niedergeschrien, ich war außer mir vor Wut. Am Ende hat mich der Sicherheitsdienst entfernt und eventuell habe ich im Jobcenter Storkower Straße immer noch Hausverbot.

Ich brauche keine staatlichen Leistungen, das war meine Entscheidung. Ich kämpfe, dass ich mein Leben auf meine Art führen kann, und keine kleinkartierte Sachbearbeiterschaft kann mich davon abhalten. Über einen Freund organisierte ich mir einen Job als Sicherheitsmitarbeiter und Baukraft. 18 Jahre alt, nur Nachtdienste, keine Erfahrung und kein 34a-Schein. Machte nichts, war ja eh nicht angemeldet. Ich bekam 4€ / Stunde, 12-Stunden-Schicht, oft von 8 bis 8. Für den Hund gab es 1,50€ / Stunde extra. Neben mir bei der Jobzuteilung in einer Privatwohnung in Hohenschönhausen: Neonazis, Hools, Disko-Schläger. Der Chef: mit Landser-Shirt. Aber ich brauchte das Geld, schnell, am besten wöchentlich. Schwarzarbeit war die einzige Möglichkeit, nachts zu arbeiten und tagsüber zur Schule zu gehen. Für einige Wochen wurde ich in den seltsamsten Locations eingesetzt: Farbikhallen, Filmsets (ich baute kurzzeitig über Nacht das Set von “Bernd, das Brot” auf), Büros, überall wo in dieser Stadt Menschen das Gefühl hatten, sie wären nicht genug von der Polizei geschützt. In Fact, eine Nacht machte ich Objektschutz an einer Polizeiwache. Private Sicherheitskräfte in Schwarzarbeit schützen die Polizeiwachen — Stilblüten des Lebens, so könnte man das beschreiben. In der Schule wurde meine Doppelanstrengung bemerkt und wir sprachen offen drüber. Die zuständigen Lehrer und der Direktor verstanden irgendwie meine Situation, auch wenn es weder ihrer Lebensrealität entsprach, noch der der anderen Schüler. Trotzdem, mir wurde geholfen. Die Weisung wurde rausgegeben, ein Auge zuzudrücken, wenn ich wieder im Unterricht einschlief oder zur ersten Stunde zu spät kam. Eine harte Zeit, diese Monate, aber ich konnte mich finanziell über Wasser halten und meine Noten sogar noch verbessern. Oft habe ich während der langweiligen Nächte meine Schulbücher studiert, Latein gelernt und Sachbücher gelesen. Ich wurde Cappuchino-süchtig (normalen Kaffee habe ich erst mit 23 für mich entdeckt) und begann, Serien im englischen Originalton zu schauen. Selbst aus solchen Situationen kann man gestärkt hinausgehen.

Mein letzter Job führte mich nach Nord-Berlin: über mehrere Wochen sollte ich Nachts auf eine Villa und ein Bürogebäude aufpassen. Langweilige Tätigkeit, niemand räumte in diesem Villenviertel irgendwas aus, dafür sorgte schon die regelmäßige Polizeistreife. Außerdem war alles gut gesichert. Irgendwann unterhielt ich mich länger mit der Eigentümerin, die begeistert von meiner Lebensgeschichte war. Beeindruckt von meinem Arbeitsethos und wohl wissend um die Illegalität meines Arbeitsstatus machte sie mir ein Angebot, das mehr als alles von ihrer Menschlichkeit sprach: statt der Nachtschichten sollte ich in ihrer Abwesenheit das Haus bewohnen und so durch meine Anwesenheit für Sicherheit sorgen, nebenbei würde sie mich für kleinere Hilfsdienste in ihrer Firma einsetzen. Dafür wurde ich fest angestellt, in Vollzeit, mit einem Gehalt, das weit über meinen finanziellen Realitäten lag, befristet bis zum Zeitpunkt meines Schulabschlusses. Am nächsten Tag legte sie mir einen Vertrag vor, den ich unterschrieb. Noch vor einigen Monaten ernährte ich mich in einer Wohnung, die ich nicht bezahlen konnte, von wenigen Keksen am Tag. Jetzt wohnte ich auf einmal in Teilzeit in einer Villa, die alle Vorzüge bot und mir wurde durch diese freundliche Frau jede Annehmlichkeit erlaubt: mein Hund war willkommen und er spielte viel mit dem Mops der Familie, den ich auch betreute in der Abwesenheit. Meine damalige Freundin, die ich überhaupt erst durch diesen Job kennenlernte, durfte die Zeit mit mir in der Villa leben. Und der Kühlschrank, immer mit den besten Sachen aus dem KaDeWe prall gefüllt, stand mir zur freien Verfügung. In dieser Atmosphäre konnte ich entspannt meinen schulischen Weg fortsetzen. Meine Anwesenheit verbesserte sich, meine Noten machten einen großen Sprung — und am Ende konnte ich mich in aller Ruhe bei schönstem Wetter auf der Terrasse mit Blick auf Wald und entspanntes Blätterrauschen auf die Abiturprüfungen vorbereiten. Mit einem guten Ergebnis ging ich aus den Prüfungen, und das habe ich vor allem dieser einen Person zu verdanken, die mich nicht unbedingt selbstlos, aber mutig und menschlich bei sich aufnahm, und mir eine Chance bot. Über die Monate wuchs ich zu einem kleinen Teil der Familie heran und mir wurde zumindest einige Sachen über Konventionen im Leben einer Millionärsfamilie beigebracht.

Nach dem Abitur hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass ich aus diesem ganzen Orkan der sozialen Kämpfe rausgekommen bin, die Spirale des Abstiegs erfolgreich verlassen habe: ich stieg sofort in das Jura-Studium ein, arbeitete in einer der Top-Kanzleien in Deutschland, erhielt ein Stipendium in der Begabtenförderung. Ich hatte auf einmal Geld, eine Karriere und konnte mich selbst in Ruhe entwickeln. Ich begann damit, Blogs zu schreiben, über Nazis zu berichten und politisch aktiv zu werden, in den unterschiedlichsten Richtungen. Nicht alles ging ohne Probleme vor sich, es gab kleinere und größere Rückschläge. Oft dachte ich, ich gehöre vielleicht nicht dazu, zu dieser Welt der Studenten und der Karrieristen. Wo Anzüge wie selbstverständlich getragen werden, wo das Essen fein und die Weine teuer sind, wo Parties kein Arbeitsplatz, sondern ein sozialer Zustand waren. Wo der Absturz keine existenzgefährdende Krise war, sondern etwas, das man sich am Wochenende für das Selbstbild leistete. Wo das Studieren zur familiären Selbstverständlichkeit gehört und nicht zum erkämpften Status. Immer wieder war ich kurz davor, mit der Rechtswissenschaft zu brechen, nur um dann in der nächsten Prüfung festzustellen, dass ich, für mich erstaunliche, Leistungen erbringen kann. Ich wurde komisch angeschaut für meine hohe Semesterzahl, von Menschen, die in ihrem Leben nie für ihren Unterhalt arbeiten mussten, weil sie den Vorteil der Normalität hatten, und sei es nur die BaföG-Berechtigung, aufgestockt durch kleinere Unterstützungsleistungen der Familie. Auch Mittelschicht ist Privileg.

Am Ende habe ich gewonnen. Aus dem jungen Menschen, dem von allen Seiten immer wieder gesagt wurde, dass er sich auf Hartz-IV und die vorprogrammierte Arbeitslosigkeit einrichten solle, dem weder das Abitur noch das Studium zugetraut wurde, ist ein Akademiker geworden. Was jetzt kommt? Ich weiß es nicht. Promotion, Karriere, Vermögensaufbau. Politischer Abwehrkampf gegen die rechte Bedrohung, die Menschen wie mich lieber in meiner damaligen (und wohl auch heutigen) Situation lieber in Lagern gesehen hätte. Mir steht vieles offen und nichts ist einfach, aber manchmal bin ich selbst ungläubig, dass ich bis hierhin gekommen bin. Heim.Kind werde ich wohl immer sein, aber über die Jahre wird der soziale Stempel kleiner und unmerklicher. Inzwischen bemerkt es kaum jemand mehr, außer ich erzähle meine Geschichte. Aber der Stempel ist da und mit ihm, tief eingebrannt, der kämpferische Geist, alle Hindernisse zu überkommen.

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