Heim.Kind — Teil 3: Straßenhund.

“Untilted” by Lucas Incas (Lizenz: CC BY 2.0)

[TW: Vergewaltigung, Tod]

Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”:

Teil 1: Brandenburger Tristesse.
Teil 2: Flucht nach Berlin.
Teil 3: Straßenhund.
Teil 4: Der Weg hinaus.

Wer mit dreihundert Jugendlichen auf engstem Raum zusammenlebt, zu denen er zudem noch keine Verbindung spürt und keine Gemeinsamkeit außer die Zufälligkeit des gleichen Schicksals ausmachen kann, der versucht rauszukommen, Ruhe und Halt zu finden. Für mich wurde die Berliner Straßenszene deshalb über mehrere Jahre mein Zuhause.

Meine ersten Besuchen am Alexanderplatz waren mit 14 oder 15. Ich habe in der Zeit kurz in im elterlichen Haushalt gelebt und mich immer wieder aus der dörflichen Enge abgesetzt in die Weite der Stadt. Mit meinen langen, zotteligen Haaren, meinen zerrissenen Shirts von Metal-Bands, mit meiner nickeligen Brille und meinen gebrauchten Springerstiefeln, die ich damals meinem besten Freund für zwanzig Mark abkaufte (weinrote Shellys) fand ich schnell Anschluss an eine lose Gruppe aus Punks, Gothics und Skatern, die sich am Brunnen der Völkerfreundschaft traf. Die Gruppe war in ständiger Fluktuation und lebte von ihrer Offenheit gegenüber allen, die gewillt waren, sich hinzusetzen, zu reden, zu trinken und gelegentlich zu musizieren. Anfänglich war ich nur einige Tage im Monat dabei, niemand kannte mich, schenkte mir viel Beachtung. Besonders gut verstand ich mit einer 13-jährigen Punkerin, Linda. Sie wohnte mitten in Berlin, ihre Eltern interessierten sich nicht sonderlich für sie und sie hatte viel Erfahrung in Dingen, die mich gerade erst anfingen zu interessieren. Wir begannen viel zu reden und ich verspürte erste pubertierende Liebesgefühle. Sie hatte ein Handy, keine Selbstverständlichkeit zu der Zeit, und sie zu kontaktieren war ein teures Unterfangen zu der Zeit. Ich telefonierte von dem Festnetzanschluss meiner Eltern stundenlang mit ihr, die Folge war eine dreistellige Rechnung, welche die eh schon schlechte Stimmung zunehmend an den Rand der Konfrontation trieb. Rechnen tat sich das nicht für mich: Linda hatte mit ihren 13 Jahren deutlich höhere Ziele als den 15-jährigen Hannes und orientierte sich an den älteren, erwachsenen Mitglieder der Gruppe. Oft ging ich mit anderen Mädchen vom Brunnen weg — “Wir reden mal unter vier Augen” — setzte mich an eine Ecke auf dem Alexanderplatz, wo wir weit genug von allen weg waren und es nicht nach Pisse und Kotze roch und ich heulte wie ein Schosshund aufgrund meiner unerwiderten Gefühle. Ich lernte damals eine der wichtigsten Dynamiken der Straße kennen: große Gruppen waren immer im Fluss, laut und aufregend und jeder erzählte und brüllte und johlte, aber immer wieder lösten sich Leute aus den zwanzig-dreißig Personen fassenden Gemeinschaften raus, um ihre Ruhe unter Hausdächern, in kleinen Parks oder Bäumen zu suchen. Die Gruppe lernte schnell, wer zusammengehörte und wer was miteinander machte. Drogen ziehen oder spritzen, schneller Sex, “gaunern gehen” (geläufig für kriminelle Akquise von Gruppenfinanzen) — aber eben auch die wichtigen Gespräche zu zweit, dritt oder viert, um über persönliche Probleme, die wir alle hatten, zu reden. Dieser organische Aufbau der sozialen Struktur machte die Straße so anschlussfähig — verkraftet aber auch, wenn Menschen ausfielen. Im schlimmsten Fall durch ihren Tod.

Als ich in das Heim in Hohenschönhausen zog, wurden Linda und die Alex-Punker mein größter Halt. Von nun an verbrachte ich jeden Tag dort und mein Weg nach der Schule führte mich oft direkt zum Alexanderplatz. Irgendwann lernte ich, mit der Gruppe mitzuziehen. Eine zeitlang waren wir am Ostbahnhof, im Kellergeschoss an dem Übergang zur Tiefgarage. Dort war der Ton deutlich rauer als am Alexanderplatz. Während die Szene am Alexanderplatz überwiegend aus Jugendlichen und einigen Menschen “auf Platte” (was wir übrigens nie sagten) bestand, war am Ostbahnhof die tatsächliche Obdachlosigkeit deutlich präsenter und der Altersschnitt höher. Es gab viel Streit um Alkohol und um das erbettelte Geld. Ich wurde mitgenommen, weil ich ein Meister im Schnorren war. Mein freundliches Auftreten und meine guten Mittelstandsmanieren machten mich überall zu einem Garanten des schnellen Euros — an manchen Tagen stand ich nach zwei Stunden mit 20 bis 30€ da und konnte eine großzügige Runde ausgeben. Selten behielt ich das Geld für mich, die Älteren forderten mich immer auf, mit der Gruppe zu teilen. Das sie selbst das nicht machten, erschien mir seltsam, aber ich war froh, dazuzugehören.

So romantisch ich meine Zeit auf der Straße fand, so umfassend klar ist mir heute, das es eine erbarmungslose Struktur der Ausbeutung war. Die emotionale und finanzieller Ausbeutung von zumindest empfundenen Mittelstandkids wie mir war dabei noch das kleinere Übel. Massiv war die sexuelle Ausbeutung von Kindern und sehr jungen Frauen. Beziehungen zu zwölf-dreizehnjährigen waren die Regel, wobei “Beziehung” schwerlich der richtige Ausdruck ist für die oft nur wenige Tage dauernden Abschnitte. Es ging um sexuelle Ausbeutung, manche der kindlichen Punkerinnen wurden regelrecht unter den älteren Männern — selten über 20 Jahre alt, oft 30, manche sogar 40 -rumgereicht und empfohlen. Sex fand in der Öffentlichkeit statt, manchmal kaum verdeckt in der Gruppe unter Decken, oft auf Hinterhöfen, in Parks. Häufig in Verbindung mit Drogen, fast immer Alkohol. Wir wussten alle, was passierte, manche der jungen Frauen trugen es mit stolz und romantisierten es, wuchsen daran und gaben die zugebrachten Wunden an spätere, jüngere Partner weiter; manche zerbrachen daran und ließen sich nicht wieder sehen. Viele weinten danach. Manche kamen mit Spuren von physischer Gewalt wieder. Ich frage mich bis heute, wie viele Vergewaltigungen ich in dieser Zeit nicht erkannt habe oder ignoriert habe, ob es mehr Mut bedürfte. Ich erinnere mich nicht daran, wie ich die Situationen eingeschätzt habe. Ich weiß nur: niemand von uns jungen Leuten widersprach oder übte Kritik, die Szene war straff hierarchisch in dieser Hinsicht. Um die Affektion der Älteren zu gewinnen, hielten wir so manches aus, und wer sich bewährte, stieg in der sozialen Hierarchie auf. Und was wussten wir junge Typen, noch kein einziges Barthaar, überhaupt über Sex, außer, dass wir es auch mal gerne hätten? Und die Täter waren selbst oft genug mit schweren psychischen Problemen ausgestattet, Depressionen, Suchterkrankungen — das machte sie allen Gesprächen und wohl auch jeder Moral unzugänglich. Konsequenzen hatten ihre Taten in meiner Erfahrung nie. Mein Wegschauen und meine Untätigkeit auch nicht.

Die Beschaffung und der Konsum von Alkohol spielte zudem eine immerwährende Rolle, maßgeblich initiiert von den älteren Straßenpunks. Das ist keine Information, die jemanden überraschen durfte, aber es wichtig, um zu verstehen, wie viel in der täglichen Gestaltung von diesem zentralen Bedürfnis abhing. Der Nachmittag wurde für die Geldakquise genutzt, das Schnorren macht dabei nur einen kleinen Teil aus. Gängig war zu dem Zeitpunkt auch eine Zusammenarbeit mit Betrügern, die volljährige Obdachlose dazu brachten, in Mobilfunkgeschäften Handyverträge abzuschließen. Die auf diese Art und Weise genutzten SIM-Karten wurden von den Betrügern weiterverkauft, die Wohnsitzlosen erhielten einen fetten Batzen an Bargeld als “Belohnung” und die Rechnungen der geschädigten Firmen gingen ins Leere. Die rechtlichen und persönlichen Konsequenzen wurden aufgrund der versprochenen Menge an Geld ignoriert. Ich war zu jedem Zeitpunkt zu jung, um Teil dieses Schemes zu sein, aber ich habe erlebt, wie einige meiner Freunde das mehrmals pro Woche machten. Mit dem Geld wurden Schnaps an den Bahnhofssupermärkten im Ostbahnhof und am Bahnhof Zoo gekauft. Einige kauften auch Heroin oder andere Drogen. Für den Verlauf des Abends wurden die Betäubungsmittel dann zentrale Währung. Wer Schnaps hatte, war beliebt. Es war Mittel zum Spaß, es war Mittel der Macht, zum Gefügigmachen, zum Sex, zum Austragen von Kämpfen, zum Betäuben der Schmerzen aus offenen, eiternden Wunden. Ob ein Abend gut oder schlecht verlief, wurde an der Menge an Schnaps und Bier, das konsumiert wurde, bestimmt. Umso erstaunlicher, dass ich durch die Zeit kam, ohne einen einzigen Tropfen zu mir zu nehmen.

Denn ich hatte mich immer vor Alkohol oder Drogen verschlossen. Noch in Brandenburg wurden die ersten kleineren Parties von Alkopops und Bier begleitet, aber ich war eh ein Sonderling und so wunderte es niemand, dass ich verzichtete. Aber in einer sozialen Szene, die sich so auf Alkohol fixierte, fiel meine konsequente Abstinenz deutlich auf. Warum ich mich nie überreden lassen habe, kann ich mir heute eigentlich auch nicht erklären — vielleicht war meine Willensstärke in diesem entscheidenden Punkt sehr tief. Ich hatte nie eine Begründung vor mir selbst gebraucht, warum ich Alkohol und Drogen ablehnte: ich tat es einfach nicht. Ich brauchte Alkohol nicht, nicht um mich gut zu fühlen, um Spaß zu haben, um verrückte Dinge zu machen. Nur ein kleiner Exkurs: mit einigen Freunden war ich auf einer “Home-Party” bei der Tochter einer vermögenden Künstlerin in Prenzlauer Berg eingeladen. Ihre Eltern hatten ihr vertrauensvoll die Wohnung überlassen, es standen Flips und Kindersekt bereit. Wir brachten mehrere Kisten Bier mit, die wir zuvor im Supermarkt aus dem Lager geklaut haben und bald hatten wir die gesamte Party übernommen. Auf dem Höhepunkt schoben wir die teure, britische Ledercouch aus dem 3. Stock über den Balkon — und sie fiel krachend auf die Straße. Danach wurden wir — konsequenterweise — rausgeschmissen und saßen noch einige Zeit auf der Couch auf der menschenleeren Straße. Irgendwann fuhr ein Taxi vor und an uns kamen zwei verwirrte Erwachsende vorbei, schick angezogen, gerade aus dem Theater oder der Oper kommend. Unverständnisvoll blickten sie auch ihre Couch, die ja gar nicht ihre sein konnte, die stand ja oben und man bekam sie ja auch nicht durchs enge Treppenhaus, was für ein seltsamer Zufall. Ich war fit genug, um die Situation zu realisieren. Ich weckte meine betrunkenen Freunde und zog sie mit zur nächsten Haltestelle der heutigen M4. Als sich die Türen schlossen, sah ich mehrere Streifenwagen mit Blaulicht um die Ecke biegen. So long, fuckers.

Diese Situation zeigt beispielhaft, warum ich schnell beliebt wurde: ich konnte Situation schnell und präzise einschätzen, wo andere im Übermut zu lange blieben. Und: ich kümmerte mich immer um die Gemeinschaft. Unter meiner Wacht wurde niemand “von den Bullen gecasht”. Ich hatte ein Talent, uns aus heiklen Situationen rauszureden und ich wusste oft, was zu tun war und ergriff die Initiative. Ich war es auch, der verzweifelte versuchte, S. wiederzubeleben.

S. war heroinabhängig. Wir kannten uns nur flüchtig, aber ich schlief ab und an in seiner Wohnung, die er mit seinen 19 Jahren vom Amt zur Verfügung gestellt bekommen hatte. S. war auch mal mit Linda zusammen. An dem Tag war er schlecht drauf. Es ging ihm nicht gut, und er machte es deutlich. Trat seinen Hund, beschimpfte Leute. Und dann ging in eine Einbuchtung von Galeria Kaufhof am Alex. — Ich kam eine halbe Stunde später dazu, als seine Freundin spitze Schreie ausstieß. In seinem Arm steckte eine Nadel, etwas Blut klebte an der Einstichstelle. Die Augen glasig nach oben gerollt, lehnte er zusammengesunken an der kalten, sandsteinartigen Wand. Sein Hund, ein zotteliger, kleiner Mischling, lag mit traurigen Augen davor und hatte die Schnauze zwischen den Pfoten. Alle aus unserer Gruppe sprangen wirr rum, schrien, weinten, “Tut doch was, tut doch was.” … Vorsichtig nahm ich ein Stück Stoff und nahm die Spritze aus dem Arm von S. und packte sie eingepackt zur Seite, damit der Krankenwagen bestimmen konnte, was er genommen hatte. Dann legte ich ihn zu Boden und drückte, und presste und pustete, so gut ich eben konnte. Aus meiner Zeit beim Jugendrettungsdienst wusste ich noch, wie man reanimierte. Um mich herum war die Hölle los, und alles verschwamm vor Anstrengung vor meinen Augen. Und dann. Kam S. zurück. Ich spürte ein Husten, als ich Luft in seine Lungen pumpte und seine Augen rollten wild umher. Er begann krampfartig zu zittern und seine Hände klammerten sich an mich. Ich weiß nicht, ob er eine halbe oder eine ganze Minute krampfte. Aber dann erschlaffte sein Körper. Und sein Puls war verschwunden. Ich spang wieder auf seinen Brustkorb und drückte, und drückte, bis ich nicht mehr konnte. Etwas zerbrach unter meinen Händen, wahrscheinlich eine Rippenspitze. Ich begann zu weinen, unkontrollierter zu werden. Niemand der umstehenden Passanten wollte helfen. Niemand achtet auf die flehenden Bitten der anderen Punks. Alle wandten sich ab. Irgendwann zog mich ein Rettungssanitäter vom Brustkorb. Sie stoppten die Reanimation. S. starb unter meinen Händen. Ich war 16, als der erste Mensch in meinen Armen starb.

Niemand von uns wurde befragt. Niemand von uns wurde betreut. Kein Polizist kam zu uns, kein Streetworker. Wir saßen stumm am Alexanderplatz und irgendwann fragte jemand: “Wer nimmt den Hund?” Die Habseligkeiten von S. wurden verteilt, in seinem Rucksack fand sich sogar noch etwas Heroin, dass einen dankbaren Abnehmer fand. Die Erinnerung an S. verblich wenige Stunden nach seinem Tod. Er war nicht der einzige, der in meiner Zeit in dieser Straßenszene starb. Von vielen wussten wir nicht, was passierte. Manche kamen wochenlang nicht am Alex vorbei, und das konnte alle möglichen Gründe haben: Krankenhaus, Knast, Entzug, in eine andere Stadt, eine Wohnung bekommen, einen Job bekommen, eine Beziehung, oder einfach nur kein Bock auf Menschen — manche aber verstarben. Es gab bei uns keine romantisierten Straßenrituale. Keine Teddys, die an seinen Schnorrplatz gelegt wurden; keine Blumen am Todesort; keine Sternburgkronkorken im Asphalt. Wer weg war, war weg.

Auf der Straße tastete ich mich ins Erwachsenwerden hinein. Meine ersten Freundinnen hatte ich am Alexanderplatz und am Breitscheidplatz, kleine, pubertäre Romanzen. Wir hatten uns jeden Tag so viel zu erzählen, und ich hörte mir geduldig ihre Geschichten über Probleme in der Schule, bei ihren Eltern und mit ihren Geschwistern an. Selten wurde ich mit nach Hause genommen, kleine Kinderzimmer mit H.I.M.-Postern an den Wänden. Ich war nicht unbeliebt, aber auch kein Schürzenjäger. Einige der Mädchen waren politisch fit und wir hatten unseren ersten Kuss auf Demonstrationen oder kleinen Aktionen. Manche waren einfach nur subkulturell und verstanden sich selbst als unpolitisch. Überhaupt war die ganze Straßenszene politisch äußert zweifelhaft aufgestellt. Man prügelte sich aus Habitus mit Nazis, aber es gab in den eigenen Reihen genug Nazi-Punks, Grauzonen-Oi-Skins und harte NPD-Anhänger. Ich entfernte mich schnell von Gruppen, die solche Typen drin hatten, aber für eine als linksalternative Subkultur verstandene Szene waren Straßenpunks erstaunlich rechtsoffen. Manche beschlossen auch nach einigen Monaten des antifaschistischen Kampfes, dass sie jetzt überzeugte Nationalsozialisten wären. Einfach so, von einen Tag auf den anderen. Schnell erübrigten sich alle Gespräche mit den Leuten. Oft schien es mit dem Übergang in geregelte Verhältnisse zu tun zu haben.

Ein Bekannter, der schon länger eine eigene Wohnung in Marzahn hatte, und den größten Irokesenschnitt in ganz Berlin, beherbergte in der 1-Zimmer-Wohnung regelmäßig 10–15 Personen, die auf dreckigen Matrazen und einer ausgebeulten Schlafcouch nächtigten. Hier traf ich nach Ewigkeiten auch Linda wieder. Sie war mit ihrem Freund Hannes da, und wir schloßen über die Namensgleichheit noch am selben Abend Freundschaft. In der Nacht allerdings wachte ich auf und merkte, dass ein Paar hier gerade Sex hatte. Ich hörte Lindas flüsternde Stimme, aber Hannes lag schnarchend neben mir. Ich verstand die Welt nicht mehr, da war nur noch ein fremder Typ, der erst am späten Abend dazugekommen ist und den niemand kannte … — Linda wurde schwanger. Hannes blieb mein Freund, aber — verständlicherweise — nicht ihrer. Linda blieb nicht schwanger. Ich brauchte einen dringenden Tapetenwechsel und ließ die Straßenpunks vom Alexanderplatz und Ostbahnhof, irgendwann wurde es mir wohl einfach zu viel, diese ganzen seltsamen Beziehungen, der Tod, der Alkohol.

Meine Prioritäten wechselten zu Konzerten und Parties, der Lime Club am Alexanderplatz (unter den S-Bahn-Bögen) war zu dieser Zeit meine Lieblingslocation — Immer Freitags kam die Stahlwerkparty. Selbst, wenn ich mir den Eintritt nicht leisten konnte oder an den Türstehern scheiterte, verbrachte ich Nacht für Nacht davor an den Wochenenden und sprach und feierte mit den Leuten vor der Tür. Es war gar nicht so wichtig, die Musik zu hören, um ehrlich zu sein war es mir eh oft zu laut und meine Lieblingslieder wurden nicht gespielt. Aber die soziale Szene, die sich vor der Clubtür bildete, war für mich ein kleines Stück Normalität im Verrückten. Für das Kinderheim war ich auf dem Papier an solchen Nächten bei einem Freund in Brandenburg, der bereitwillig unterschrieb, für mich Verantwortung zu übernehmen. Ich war ihm ungemein dankbar für diese Freiheit und nächtigte auch oft bei ihm, wir gingen gemeinsam in die Clubs, spielten an seinem Computer, und hingen auf einem alten Telekomgelände in Brandenburg ab, dass Anfang der 2000er aufgegeben wurde und seitdem über mehrere Quadratkilometer und mit insgesamt sechs Bürogebäuden auf mehreren Etagen einen beliebten Treffpunkt für Jugendliche bot. Wir organisierten ganze Gothic-Parties auf dem “Terrorcom”-Gelände, druckten dafür Flyer und es kamen bis zu hundert Personen aus ganz Berlin angereist, bahnten sich ihren Weg durch die Büsche und nahmen das apokalyptische Szenario als Kulisse für atemberaubende Feiern. Nicht selten schrammten wir dabei kurz daran vorbei, das gesamte Gelände abzufackeln, durch die morschen Dächer einzubrechen oder — das passiert ab und an — betrunken vom Vordach zu fallen. Aber nicht immer konnte ich bei meinem Freund übernachten. Oft brachte er Mädchen mit nach Hause, und entweder ich schlief in der Badewanne und musste ihnen bei ihren Tätigkeiten bis tief in die Nacht zuhören — oder ich entschied mich für die Ring- oder Stadtbahn. Über Monate verbrachte ich meine Nächte am Wochenende schlafend in der Ringbahn oder auf besonders langen Stadtbahnstrecken wie der S5 oder der S7, die ich von Endbahnhof bis Endbahnhof fuhr. Das mit während der Zeit nie etwas passiert ist, ich nicht beraubt wurde oder geschlagen wurde, grenzt eigentlich an ein Wunder. Ich musste bis mindestens 8 Uhr in den Bahnen verbringen, dann machte der Dunkin’ Donuts am Alexanderplatz auf. Zu dieser Zeit war das der einzige Laden, der ein Internetangebot mit festen Rechnern hatte. Für wenige Euro konnte man sich sogar einen Internet-Pass für den ganzen Monat holen und konnte unbegrenzt surfen. Und das tat ich: in vielen Foren und auf einer Gothic-Dating-Seite, die vielmehr zur Community erwuchs, pflegte ich meine sozialen Kontakte, plante Feiern, verabredete mich und erledigte meine Hausaufgaben. Der Dunkin’ Donuts wurde mein wichtigstes Tor zur Welt, und besonders im Winter bewahrte er mich regelmäßig vor dem Erfrieren. Er war ab einem bestimmten Zeitpunkt der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens auf der Straße und in der Stadt.

Zu dieser Zeit hatte ich viel mit der Berliner LARP-Szene zu tun, inszenierte Rollenspiele mit Kostümen und in der Natur oder auch in der Stadt. Einige der aktiven Spieler waren auch in der Straßenszene aktiv und nahmen mich mit an den Breitscheidplatz, wo ich auch neue Freunde aus der Gothic-Subkultur kennenlernte. Auch, wenn es manchmal einen Wechsel gab — die Szene vom Breitscheidplatz blieb unter sich, wie die Ostberliner Straßenpunks auch unter sich bleiben wollte. Ich wechselte die Lager, sozusagen. Von nun an war ich als viel vor der Gedächtniskirche und lernte dort neue Leute kennen. Gerade die Berliner Vampire-LARP-Szene war dort besonders aktiv und einige der wichtigsten Mitglieder der Szene trafen sich dort regelmäßig. Ich wollte da unbedingt rein. Vampire ist ein Rollenspiel, dass besonderen Wert auf soziale Kontakte und Intrigen im Spiel legt, anstatt wie andere LARP-Systeme einen Fokus auf Kampf, Magie und Mystik zu legen. Zwischen der Vampire-Szene und einer exotischeren Erotik-Szene gab es viel Überschneidungen, insbesondere im Bereich BDSM. Die Faszination, die Blut und Macht in diesem Bereich ausübte, ist nur etwas für geübte Rollenspieler und sorgt regelmäßig zwischen Grenzverschiebungen zwischen Spiel und Realität. Ein 16-jähriger Jugendlicher hat in diesem Bereich nicht viel verloren.

Einer der älteren LARPer am Breitscheidplatz kümmerte sich allerdings um mich und nahm mich mit zu sogenannten “wilden LARPs”, die als spontane Assoziation mit einigen Leuten in Westberliner Stadtparks stattfand. Ich war begeistert und spielte gerne mit, tief in der Nacht. Wir wurden dort irgendwann von der Polizei gestoppt, die Beschwerden über unser seltsames Tun bekam (und tatsächlich hatte das nichts mit professionellen LARPs zu tun, die regelmäßig behördlich angemeldet werden). Freundlicherweise bot mir der ältere LARPer an, dass ich in seiner Wohnung in Schöneberg übernachten könne. Ich fuhr mit ihm nach Hause und war begeistert von seinem Erfahrungsschatz, den der fast 40-jährige in der Szene gesammelt hatte. Er imponierte mir, hatte sich extra für das Spiel einen Mond auf die Stirn tätowieren lassen. Während ich meine Rolle nur spielte, lebte er sie. Ich legte mich müde auf die Couch in die unaufgeräumten Wohnung. Als ich aufwachte, war es tief in der Nacht und sah, wie der Mann mit seiner geöffneten Hose über mir stand und meine Beine berührte. “Darf ich mich zu dir legen? Ich will ja nicht, dass du alleine schlafen musst.” Dabei zog er sich seine Hose aus und kam zum Kopfende. Ich war verwirrt. “Willst du mich nicht küssen?” “Ähm, nein … ich glaube nicht.” Er begann mich im Gesicht zu streicheln. “Nein, wirklich nicht. Will ich nicht.” Er streichelte mich an den Beinen. “Nein, ey. Lass das. Ich will das nicht.” Er schaute mich überheblich an: “Aber du darfst doch bei mir schlafen, glaubst du nicht, dass du mir was schuldest?” — Ich sprang auf und nahm meine Sachen. “Fass mich nicht an, sonst brech ich dir was.” Stürmte aus der Wohnung, während er schimpfte, dass er so freundlich zu mir sei und ich ihn so behandeln würde. Meine Nacht verbrachte ich wieder in der S-Bahn.

Das Erlebnis war mir lange Zeit sehr komisch vorgekommen. Der LARPer mit dem Halbmond auf der Stirn tauchte nicht mehr am Breitscheidplatz auf. Aber ich kam über die Wochen in Kontakt mit einem anderen Jugendlichen, ich glaube um die 15 Jahre alt. Wir wurden Freunde, und irgendwann sprachen wir über diesen Typen und mein Erlebnis. Eine Tage später schrieb er mir eine SMS, dass wir uns treffen müssten. In meinem Leben hatte ich keinen Menschen so gebrochen wie ihn gesehen. Wir sprachen lange und er brauchte viel Überwindung, bis er mir seine Geschichte erzählte (die auch nur seine ist). Das Resultat war grausam und ich wusste kaum, wie ich damit umgehen sollte: er wurde brutal vergewaltigt, durch den gleichen Mann, den Mann mit dem Mond auf der Stirn. Ich umarmte ihn und tröstete ihn. Brachte ihn zur Polizei. Wir wurden ins Krankenhaus gebracht. Sein Körper war so massiv zerstört, dass er mehrere Operationen über sich ergehen lassen musste. Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Ob es ein Verfahren gab, weiß ich nicht. Ich weiß nur: ich bin da etwas sehr schlimmen sehr knapp entkommen.

Über all diese Dinge habe ich im Heim nichts erzählt. Das waren für mich zwei getrennte Welten, die miteinander nichts zu tun haben durften. Straße war für mich eine lange Zeit die Freiheit, die ich immer brauchte — und die ich nicht gefährden durfte. Als mir dann mit dem Übergang in das betreute Einzelwohnen eine umfassendere und tiefergehende Freiheit eröffnet wurde, ließ ich los von der Straße. Nach knapp zwei Jahren verabschiedete ich mich schleichend. Ich war einer von denen, die nur noch seltener und seltener kamen — und am Ende gar nicht mehr. Wer weg war, war weg.

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.