Heim.Kind — Teil 2: Flucht nach Berlin.

“Blick aus der Wohnung” by Robert Agthe (Lizenz: CC BY 2.0)

[TW: In diesem Bericht geht es um viele Dinge des Heimlebens, bis hin zu sexualisierter Gewalt, die einen als Kind und Jugendlichen mitnehmen.]

Übersicht zur Reihe “Heim.Kind”:

Teil 1: Brandenburger Tristesse.
Teil 2: Flucht nach Berlin.
Teil 3: Straßenhund.
Teil 4: Der Weg hinaus.

Die Jahre in Brandenburg haben für mich eine Ewigkeit bedeutet. Ich kam mit 13 und ging mit 15 — ein Lebensspanne, in der sich der Mensch immer und immer wieder häutet und neu zu sich selbst finden muss, dem Damoklesschwert der “Pubertät” zum Trotz. In dieser Zeit entwickelte ich mich von einem Kind, das sich tief in Bücher begab und hundertseitige Anleitungen für fiktive Computerspiele schrieb, zu einem jugendlichen Metalhead, dessen größte Idole die Männer von Blind Guardian, Metallica und Slayer waren. Ich entwickelte großes Interesse an Philosophie, an Musik, an Rollenspielen und LARPs, und schlussendlich an Politik. Stabil antifaschistisch wähnte ich mich und war dabei so rechtsoffen und unaufgeklärt, wie es ein 14-jähriger Subkulturfan in Brandenburg nur sein konnte. Von den Nazis bekam ich im Zug trotzdem regelmäßig auf die Schnauze, und während mich einige Lehrer für meine offene Gedankenwelt schätzten, hatte ich tiefgreifende Konflikte mit meinem Klassenlehrer. Brandenburg war der Feind meiner Entwicklung, und ich wollte fliehen.

Nach meinem sehr überraschenden Abschied aus dem familienbetreuten Wohnen zog ich für einige Monate erneut zu meinen Eltern und meinem kleinen Bruder zurück. Von Anfang an war aktenkundig, dass keine der beteiligten Parteien — meine Familie, das Jugendamt oder ich — diese Wohnsituation für erstrebenswert hielten. Zu weit waren wir auseinander, die gelegentlichen Wochenendbesuche während des ersten Heimaufenthalts haben keinen Weg zurückgebaut. Es war ein Crash mit Ansage. Ein glimmendes Feuer, dass durch das Öl der Pubertät sofort lodernd brannte.

In den kurzen Monaten der Rückkehr in den heimischen Ort benahm ich lebte ich vollkommen entfremdet von meiner Familie. Der Schulbesuch war immer noch mit weiten Strecken verbunden, und ich kam oft spät nach Hause. Ich verbrachte viel Zeit im Internet, oft bei Freunden im Ort, die — anders als in meinem Haus — auf DSL zugreifen konnten. Die ersten Erfahrungen mit Napster-MP3s und LAN-Parties im freikirchlichen Gemeindesaal. Mein damaliger Freundeskreis bestand aus Kiffern, Metalheads, Punks und Musikern. Wenn wir nicht unsere Tage am Dorfsee verbrachten und über Mädchen und Musik redeten, fuhren wir auf Parties in die Stadt, fanden dort neue Freunde aus allen Ecken in Berlin und lebten immer mehr mit ganzem Herzen in Berlin. Und wenn ich nicht mit den Kids aus den umliegenden Dörfern unterwegs war, dann redete ich mit meinen Freunden aus Gothic- und Metal-Online-Foren und -Communities, die für mich ein wichtiger Halt war. An meinem Zuhause schätze ich vor allem eines: den gefüllten Kühlschrank.

Diese Zweckbeziehung fand ihre Höhepunkte in symptomatischen Ereignissen: während ich an einem Wochenende alleine Zuhause war, lud ich meinen gesamten Freundeskreis zu mir ein und wir feierten bis tief in die Nacht hinein — für ein kleines Speckgürteldorf fanden sich gruselige Gestalten unter meinen Gästen: mit wilden, bunten Haaren; mit langen Ledermänteln und nietenbesetzen Armbändern; mit mehrfarbigen Kontaktlinsen. Auf diese Mischung traf meine arme Oma am nächsten Morgen, als die Hälfte der Besucher ihren Rausch in unserem Wohnzimmer ausschlief und jagte sie vor die Tür. In der Nachbetrachtung eine absurde und lustige Situation ob des Aufeinanderprallens der schon damals so unterschiedlichen Lebensrealitäten. Aber damals bitterer Ernst.

Bitterer Ernst war auch der Polizeieinsatz, den ich auf dem Heimweg aus der Schule auslöste. In der Regionalbahn, die ich auf meinem Schulweg nutzte, war ich schon lange bekannt. Mit meinem “Gegen Nazis”-Aufnähern und meinem subkulturellen Auftreten erweckte ich das Interesse eines Freundeskreises von jungen Neonazis. Eines Tages fanden sie mich mit anderen Gymnasiasten alleine in einem Abteil. Sie sperrten das Abteil von Innen zu, und begannen auf mich einzuprügeln, dass das Blut nur so spritzte. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie durch die Glasscheibe ein Bahnangestellter einen Blick hineinwarf, aber sich schnell abwandte. Nach einer guten Viertelstunde ließen sie von mir ab, ich lag eingerollt auf dem Boden und alles, was ich mühsam im sporadischen Kamfsporttraining gelernt hatte, war das Zusammenrollen auf dem Boden. Halb unter den Sitzen lag ich, im ganzen Gesicht blutend, meine Augen zugequollen, ein Zahn wackelte, ich zitterte am ganzen Körper. Nach einer Ewigkeit kam ein erwachsender Mitreisender, half mir hoch und rief die Polizei. Die nahm die Personalien der jungen Nazis beim Aussteigen auf, aber — aus welchen Gründen auch immer — nicht meine. Sie riefen mir auch keinen Krankenwagen. Einer der damals beteiligten Nazis ist heute in der Berliner NPD eine führende Person. Die Welt bleibt ein Dorf.

Meine Eltern waren nicht beeindruckt. Ihre Reaktion: “Was ziehst du dich auch so an. Die Springerstiefel kommen mir nicht mehr ins Haus, die bleiben im Schuppen. Selbst schuld, dass die dich angreifen.” Ich war so wütend, so ohnmächtig, so entsetzt. Meine Wunden heilten in den nächsten Wochen, aber ich konnte nicht mehr ohne Panik und Angst den Weg zur Schule fortsetzen. Ich musste weg, weg von dieser Schule, die mich seit Jahren unterforderte und weg aus diesem Dorf und weg aus diesem Bundesland. Ich wollte nach Berlin.

Das Jugendamt hatte in den wenigen Monaten, die ich zuhause lebte, uns einen ambulanten Betreuer zur Seite gestellt. Mario, ein hippiesker Anfang-Dreißiger, traf sich auch regelmäßig mit mir und versuchte mich, in die verschiedenen Jugendprojekte der Gegend zu integrieren. Mal sollte ich ein Instrument lernen, mal mit anderen Jugendlichen aus einer Heimeinrichtung in der Nähe etwas unternehmen. Die enormen Unterschiede in Bildung und sozialem Hintergrund machten mir soziale Kontakte in dieser Richtung zunichte — und außerdem hatte ich ja einen festen, verlässlichen Freundeskreis; einer, der mir in dieser Zeit mehr Halt und Stütze gab, als meine Familie es vermochte. Mit einer großen Portion pubertärer Arroganz sah ich gerade den Betreuer auf meinem Niveau, und selbst bei ihm wurde ich schnell deutlich kritischer. Ich merkte, dass er mich für private Aktionen einspannte, als ich in seinem Umzug mithelfen sollte, fragte ich mich ernsthaft, welchen Zweck das für die Jugendhilfe hatte. Mario wollte mich auch ständig dazu überreden, Drogen zu nehmen. Etwas Gras würde mir gut tun, mich lockerer machen, sagte er mir. Und Alkohol sei auch nicht schlimm. Trotz meines subkulturellen Freundeskreises mit einer hohen Affinität zu Drogen, Alkohol und Tabak hatte ich nämlich nie das Bedürfnis, überhaupt nur den Rausch zu probieren. Und ich habe es bis heute nicht. Und so suspekt es Mario war, dass ich keinen Wert auf Kontrollverlust lege, so suspekt ist es mir heute in der Nachbetrachtung, dass ein Sozialarbeiter mich energisch als jede andere Person in meinem Leben zu Gras und Schnaps drängen wollte.

Mario konnte unserer Familie nicht helfen. Niemand hatte sich große Illusionen gemacht, aber einen Ausweg schien es auch nicht zu geben. Ich nahm zu dieser Zeit mein Schicksal selbst in die Hand: frustriert von den Übergriffen, von der schlechten Qualität, von der dörflichen Rückständigkeit vereinbarte ich einen Termin an einem Berlin Gymnasium. Die Schulleiterin, eine resolute und hochintelligente Frau weit jenseits der von mir erlebten schulischen Norm, war von meinem Engagement beeindruckt und sagte mir einen Platz an ihrer Schule auch gegen den Willen meiner Eltern zu. Die Aussicht auf den Wechsel nach Berlin stellt für mich die Erlösung dar.

Nur wenige Tage später drängten meine Eltern mich, das Jugendamt darüber zu informieren, dass ich einen neuen Wohnort bräuchte. Ein Wechsel der Schule gegen ihren Willen ginge zu weit. Sie würden mich nicht mehr im Haushalt behalten. Gegen meinen Widerstand musste ich nach Berlin-Hohenschönhausen ins nächste Heim ziehen.

Mein neuer Wohnort war ein ehemaliger Büroplattenbau, in dem über 300 Jugendliche in betreuten WGs mit 10–20 Jugendlichen wohnten. Ich stand mit meinen 15 Jahren wieder dort, wo ich wenige Monate zuvor aufgehört habe. Aber diesmal war ich bereit. Die Einrichtung war insgesamt professionell und modern. Sie hatte nichts mit der kruden pädagogischen Ausrichtung der “Pflegeeltern” im ruralen Brandenburg zu tun, sondern war geprägt von einer geschäftigen Betriebsamkeit, sozialarbeiterischen Konzepten und einer altersgemäßen Mischung aus professioneller Distanz und persönlicher Aufopferung. Einer meiner Betreuer war queer, zeigte mir seine Fotos als Drag-Darsteller; das erste Mal in meinem Leben, dass ich offener Homosexualität begegnete. Andere Betreuerinnen waren engagiert, manche als Wendeverlierer frustriert, aber im schlimmsten und besten Fall zugleich ließen mich alle in Ruhe. Ich hielt mich an die Regeln, kam pünktlich nach Hause und erzielte gute Ergebnisse in der Schule — es gab nichts, was einer sozialarbeiterischen Intervention bedurfte. Insgesamt war die Einrichtung deutlich unterbelegt und hatte dutzende Wohngruppen, und so mussten unsere Betreuer immer wieder durchs Haus eilen und in anderen Gruppen aushelfen: Schlägereien, Selbsttötungsversuche, Angriffe auf hinzugerufene Polizeibeamte, Schusswaffen in der Einrichtung, Messerstechereien. In den gut 18 Monaten meines Aufenthalts konnte ich von meinem Balkon meine kleinen Einzelzimmers regelmäßig den Blaulichtern beim Befahren unserer Hofes zusehen. Ich bin in dieser Masse an Problemen untergegangen. Es war nur recht.

Dabei waren die anderen Bewohner des großen Heims durchaus ein anfängliches Problem für mich. Wieder stieß ich mit meinen langen Haaren und schwarzlackierten Fingernägeln schon am ersten Tag auf eine Gruppe junger Nazis. Es ist eine dieser absurden Geschichten, die man sonst aus Slapstick-Filmen kennt: einer schwarzer Junge führte die Gruppe rechter 16-jähriger an. Als ich am Eingang stand, brüllte er mir “Zicke Zacke, Zicke Zacke, Oi, Oi, Oi!” und sofort stürmten drei seiner Freunde auf mich zu. Anders als bei dem Überfall im Zug wusste ich mir aber zu helfen. Zunächst wurde ich in ein Gespräch über Hitler und die arische Rasse verwickelt, das unter dem Grinsen des schwarzen Jungen ablief. Ob ich eine Zecke sei, wurde ich gefragt, und mir dann erklärt, dass sie Zecken töten würden. Das sei ihr Haus und hier sei kein Platz für “Freaks” wie mich. Ich reagierte nicht und wollte nur in meine Wohngruppe, die rettende Stahltüren besaß, welche nur von Innen geöffnet werden konnten. So weit sollte es nicht kommen. Auf Kommando des Anführers wurde ich angegriffen. “Gebt’s ihm richtig, macht ihn fertig, der soll nicht mehr laufen können.” Ich hatte Glück. Mit meinen einstudierten Reflexen trat ich dem einen mit Stahlkappen gegen das Knie — und brach meinem anderen Gegner den Arm. Einfach so. Ohne zu wissen, wie ich das gemacht habe, ohne es zu wollen. Wir alle starrten uns erschreckt an, der glatzköpfige Jungnazi lag wimmernd am Boden. Kurz darauf erschien ein Betreuer, ich wurde weggeführt, der Krankenwagen kam. Nachdem ich die Situation schilderte, wurde ich ermahnt. Konsequenzen hatte das für mich nicht. Nach diesem Vorfall wurde ich von allen in Ruhe gelassen.

Unsere WG war insgesamt sehr friedlich und entspannt. Ich wurde in Ruhe gelassen und half dafür gelegentlich mit Hausarbeiten aus. Zentrales Nahrungsmittel unter uns Jugendlichen war der Aldi-Sahne-Kefir, der immer palettenweise im Schrank stand. Wer Einkaufsdienst hatte, musste sich einen großen Einkaufstrolley nehmen und damit zum nahegelegenen Einkaufscenter marschieren und Unmengen an Essen einkaufen. Es gab immer dasselbe an Grundausstattung: die Hausmarke an Sahnekefir, viel Ketchup, der ganz billige Edamer-Käse und Sandwichtoasts. Wir sollten damit auf unsere Eigenständigkeit vorbereitet werden. Aber eigentlich galt die Vorbereitung etwas ganz anderem: Einkaufstrolley, Billig-Essen und fehlende Varietät haben uns auf die sozialen Kodierungen der uns unterstellten Zukunftsperspektive im Prekariat vorbereitet. Die Botschaft: wer in diesem Massenheim gelandet ist, hat keinen Weg mehr raus. Wie groß dieser Unterschied war, wurde mir klar, als ich in einer anderen Einrichtung des gleichen Trägers einige Tage aus Urlaubsgründen untergebracht wurde: eine Pippi-Langstrumpf-Villa, mit verspielt eingerichteten Zimmer und einer großen, sonnigen Wohnküche aus Echtholz, in der jeden Abend gemeinsam mit frischem Gemüse gekocht wurde. Warum sich diese Einrichtungen so fundamental unterschieden, und warum ich keine Chance hatte, dort unterzukommen, war mir damals nicht klar, es machte mich wütend und traurig. Für mich war dieser Ausflug das Paradies. Man nahm mich ernst, hatte tiefsinnige Gespräche mit mir, schaute gute Filme und kümmerte sich um mich. Es war eine der wenigen Gelegenheiten, in der ich lernte, das man in deutschen Heimen auch ohne Abschottung überleben konnte und es vielleicht sogar etwas wie eine Entwicklungsperspektive gab.

Denn das war mein Konzept in dem Großheim: radikale Abschottung. Ich weigerte mich, mit Jugendlichen außerhalb meiner Gruppe zu sprechen. Als einziger Gymnasiast unter 300 Jugendlichen hatte ich die — vielleicht irrationale — Angst, dass mich jeder Kontakt zu den anderen Kids runterziehen könnte, mich hineinziehen könnte in den mir täglich vorgelebten Mix aus Gewalt und Drogen. Ich wollte nicht werden “wie die”. Die Einstufung als “die” war zutiefst sozialchauvinistisch, aber sie war meine Schutzhaut. Die Einrichtung hatte zwischen jeder WG massive Stahltüren, weil gewalttätige Übergriffe auf andere Gruppen die Tagesordnung waren — und weil nächtliche Besuche mit sexuellen Kontakten zur Regel gehörten. Die heiminternen Schwangerschaften waren erschreckend normal, insgesamt habe ich in 18 Monaten drei Schwangerschaften mitbekommen, bei denen die Zeugung unter Bewohnern stattfand. Gerüchte machten die Runde, das es auch sexuelle Übergriffe durch die älteren Jugendlichen gab, an Jungen und Mädchen gleichermaßen. Die Stahltüren wurden während meiner Zeit weiter ausgebaut und mit modernen Kamerasystemen und Meldeanlagen ausgestattet. Es schien dringend nötig. Man könnte in der nachträglichen Betrachtung auch auf die Idee kommen, dass es keine gute Idee ist, 300 Jugendliche auf so engem Raum zusammenleben zu lassen.

Ich kann mich kaum an meine Mitbewohner erinnern. Sie waren mir auch weitestgehend egal, so wie ich ihnen. Ihre Probleme waren nicht meine. Eine Mitbewohnerin wurde mit 14 schwanger, daran erinnere ich mich, und die vielen Diskussionen, die die Betreuer mit ihr hatten, dass sie jetzt nicht mehr rauchen und trinken könne. Eines Abends tauchte sie nicht mehr auf. Die Feuerwehr fand sie auf harten Drogen irgendwo in Berlin. Meine direkte Zimmernachbarin war nett. Sie bemühte sich in ihrer Schullaufbahn und bat mich ab und an um Hilfe mit ihren Hausarbeiten. Sie war 16 und wurde ab und an die Diskothek “Tollhaus” gelassen, ein übler Schuppen mit furchtbarem Gästeklientel zwischen BFC-Hools und Steroid-Pumpern. Von ihr lernte ich einiges übers Flirten: den Tipp, das man Frauen ja am Ohr knabbern könne, dort aber nicht reinsabbern sollte, beherzige ich bis heute.

Von allen Menschen waren sie und der queere Betreuer mir am Wichtigsten. Bei ihnen habe ich mich am Ende auch verabschiedet. Normalerweise bin ich in dem Alltag des Großheims untergegangen. Wie beschrieben, gab es immer schwierige Fälle und mir konnte man in meinen speziellen Problemen eh nicht helfen. Es ist auch schwer vorstellbar, dass man in der sozialpädagogischen Ausbildung mit Problemen der voruniversitären historischen Diskursanalyse, wie sie meine Schulleiterin pflegte, konfrontiert wurde. Und mit meinem Bedürfnis nach Hilfe bei Hausaufgaben im Latein-Sprachunterricht bin ich nicht nur beim Einrichtungsträger auf Erstaunen und Unverständnis gestoßen, sondern auch beim (immer noch zuständigen) Brandenburger Jugendamt noch bei der Berliner Senatsverwaltung für Jugend. Unisono war die Antwort: “So einen Fall wie sie hatten wir hier noch nicht, und werden ihn wohl auch nie wieder haben.” Mir half das nicht weiter: die verfluchten Lateinvokabeln wollten nicht in meinen Kopf, und wer versteht schon die Grammatik einer toten Sprache? Geld und Ressourcen für eine bildungsgerechte Unterstützung hatte man weder in Brandenburg noch in Berlin für mich. Schon der Kampf um die Schulbuchakquise war eine alljährliche behördliche Herausforderung. In meinem Bildungsdrang und der unbedingten Fortführung meiner gymnasialen Ausbildung wurde ich — systembedingt — zurückgelassen. Man hat nunmal versucht die Kids am Leben zu erhalten, am Reproduzieren zu hindern und auf eine Zukunft in der Sozialhilfe vorzubereiten — das waren die Prioritäten. Für den Traum vom Studium, für Fragen nach Philosophie, Fremdsprachen und Geschichte war kein Platz in diesem System.

Um die Distanz zwischen der gelebten Milieustudie in dieser Einrichtung so groß wie möglich zu halten, nutzte ich die mir zu Verfügung stehende freie Zeiteinteilung aus: von 6 bis 22 Uhr durfte ich außer Haus sein, am Wochenende mit Einwilligung meiner Eltern sogar von Freitag bis Sonntag-Abend. Ich war knallhart von 6 bis 22 Uhr unterwegs. Jeden Tag. Für die Wochenende konnte ich meine Eltern überreden, mich bei einem Freund schlafen zu lassen — in der Realität übernachtete ich oft in der Ringbahn. Nach und manchmal auch vor der Schule verbrachte ich meine Zeit auf der Straße. Alexanderplatz, Ostbahnhof, Breitscheidplatz — ich kannte alles. Es war schon absurd: um nicht durch die Mitbewohner im Heim sozial runtergezogen werden, grenzte ich mich ausgerechnet mit der Teilnahme an der Berliner Straßen- und Obdachlosenszene ab. In meiner Wahrnehmung waren aber die Punks, die Gruftis, die Metal-Typen allesamt klüger und offener als die gruselige Schattenwelt der Hohenschönhauser Heimbewohner. Über die tiefgreifenden Erlebnisse auf der Berliner Straße werde ich im nächsten Beitrag berichten, das ist durchaus eine eigene Erzählung wert.

Schulisch blühte ich nach Jahren der Unterforderung regelrecht auf. Mit der 11. Klasse konnte ich Profilkurse zur Vorbereitung auf die Oberstufe wählen: Geschichte und Deutsch. Eine Welt breitete sich vor mir aus. Die Schulleiterin wurde zu meiner Geschichtslehrerin und bereitete uns auf die universitären Anforderung vor. Wir lernten, dass es mehr als Ideengeschichte gab und ich hatte meine ersten Berührungen einem Marxismus, den ich verstehen konnte. Und in Deutsch hatte ich eine literarische Erweckung. Frau N., eine einfühlsame und kritische Lehrerin, die aus ihren Schülern jedes Quäntchen Begabung und Intellekt herausholen konnte, fütterte uns mit Kafka und Frisch und ich verliebte mich nachhaltig in deren Werke. Statt der brandenburgischen Grass-Gruppe, die ich zuvor angehörte und die mich ob ihres Kleingeistes fast in den Wahnsinn trieb, hatte ich auf einmal eine Welt der Kultur in Berlin vor mir. Wir waren Stammgäste im Berliner Ensemble (mein Antifaschismus wurde nachhaltig geprägt von “Der aufhaltsame Aufstieg des Aturo Ui”) und in den Berliner Kultureinrichtungen, die aus Brandenburg unerreichbar und für mich auch nicht finanzierbar waren. Die Lehrer dieser Schule setzten sich an jeder Stelle für mich ein. Mir würde jede Klassenfahrt und Kulturbesuche ermöglicht, ich bekam die unglaublich wichtige Gelegenheit, nach Auschwitz zu fahren und die Vernichtungslager mit eigenen Augen zu sehen. Das ich mich aus einem pubertären Subkulturjungen zu einem politisch gebildeten Menschen entwickelt habe, ist den engagierten Lehrerinnen und Lehrern dieses Berliner Gymnasiums zu verdanken. Ohne sie wäre ich nicht, wo ich heute bin.

Der Lehrplan wurde ergänzt durch Politikwissenschaften und Psychologie, in beiden Fächern habe ich einige Jahre später — an einer anderen Schule — mit Bestnoten mein Abitur abgelegt. Nur der Kurs “Darstellendes Spiel” war eine herbe Enttäuschung für mich: ich durfte aus persönlichen Differenzen mit dem Lehrer nicht daran teilnehmen. Ob aus mir ein guter Schauspieler geworden wäre? Ganz egal, bei allem, was mir diese Schule eröffnet hat. Und auch meine Mitschüler haben mich das erste Mal in meinem Leben so fühlen lassen, dass ich angekommen bin. Ich war immer noch nicht der Durchschnittsschüler, aber ich ging mit meinen Klassenfreunden endlich gemeinsam zu Konzerten von den “Ohrbooten”, “Culcha Candela” und “Mutabor”. Ich wurde nicht mehr als Freak wahrgenommen, sondern als attraktiver junger Mann, ich verliebte mich und wurde geliebt. Man kann gar nicht genug betonen, welchen Wert ein solches soziales Gefüge für die Entwicklung eines jungen Menschen hat und welcher ungeheure Unterschied zwischen Stadtkultur und Landleben besteht. Die Schule wurde später ihrer Eigenständigkeit beraubt und zwangsfusioniert, in einem Bezirk, der heute dringend neue Schulen braucht. Die Schulleiterin leitet heute eine exzellente Schule in Moskau.

So gut es mir an der Schule ging, desto schwieriger wurde mein Leben in dem großen Heim in Hohenschönhausen. Die dauerhafte Abschottung sorgte inzwischen für Unmut und Unverständnis. Bekam ich anfangs noch Briefe, in der sich eine 14-jährige aus einer anderen Wohngruppe mit “Es gibt noch mehr hier wie dich, die das Dunkle in den Herzen tragen. Du bist nicht alleine! Magst du mit mir Gitarre spielen?” versuchte, mich in ihre Mitte aufzunehmen (was ich rüde ignorierte), wurde ich am Ende als überheblich und arrogant wahrgenommen. Was ich auch war. Bewusst. Auch die Betreuer machten sich langsam Sorgen und verzweifelten zudem an ihrer eigenen Kompetenz, mir in meinen Probleme nicht weiterhelfen zu können. Einen 16-jährigen, der sich eigenständig an Senatsverwaltungen und Amtsleitungen wendete, hatten sie auch noch nicht erlebt und ich glaube, ich machte ihnen auch etwas Angst. Wie alle Jugendlichen in dieser Einrichtungen kämpfte ich. Aber auf einer Ebene, die sie nicht verstanden und deren Beherrschung sie verunsicherte. Ein Vorfall kurz nach Beginn des neuen Schuljahres drehte die Stimmung: mit meinem steigenden politischen Engagement geriet ich in das Visier von — diesmal organisierten — Neonazis in Lichtenberg. Ich war auf meinem Schulweg schon mehrmals von den inzwischen aggressiv als “Autonome Nationalisten” auftretenden Nazis abfotografiert wurden. Eines Tages hielt dann um 7 Uhr morgens vor der Bushaltestelle ein schwarzer Transporter, aus denen zwei Typen mit Sonnenbrille, Tuch und Basecaps rausschauten und mir — einem 16-jährigen schlaksigen Punk — eiskalt zuriefen: “Verpiss dich aus unserem Stadtteil, sonst kriegen wir dich.” Dazu eine Geste, mit dem Daumen langsam am Hals entlang.

In meiner Jugendamtsakte findet sich dazu ein Vermerk, dass sich die Brandenburger Sachbearbeiterin über die “ANB” informiert hat. Während ich damals entsetzt, dass mir nicht sofort geholfen wurde und ich in einen anderen Bezirk verlegt wurde, wurde hinter den Kulissen — das muss ich anerkennend nach Aktenstudium sagen — an einer Lösung für mich gearbeitet. Ich hatte schon überlegt, nach Bayern zu ziehen, wo ein guter Freund sein Abitur anging (kurz danach zog er nach Berlin). Wochen später kam die gute Nachricht:

Nach mehreren Jahren im Heim wurde ich in das betreute Einzelwohnen entlassen. Freiheit.

Meine Geschichte endet hier nicht. Ihr fehlt ein wichtiger Bestandteil: während ich in Hohenschönhausener Heim formal untergebracht war, lebte ich teilweise auf der Straße — eine damals von mir glorifizierte Lebensweise, die von Tod, Drogen, sexueller Ausbeutung und Vergewaltigung geprägt war, auch wenn ich selbst immer knapp davongekommen bin. Dieser Teil gehört dazu, wenn man die Lebensrealität meiner Person zu dieser Zeit verstehen will. Auch die folgenden Jahre sind nicht uninteressant, um zu verstehen, welche Herausforderungen mit dem Stigma “Heim.Kind” verbunden sind, und wie lange sich noch das Fehlen der familiären Einbindung bemerkbar gemacht hat. Darum werden die kommenden Beiträge sich mit diesen Thematiken beschäftigen und meine Zeit bis zum Studienanfang beschreiben: ein erneuter Schulwechsel, der Verlust der staatlichen Obhutpflicht bei Erreichen des 18. Lebensjahrs, Schwarzarbeit und “Einfach mal Glück haben”, Abitur … und wie ich zu meinem Hund fand.

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